Kontemplation

Schweigend meinen tragenden Grund erfahren

Das Leben ist für nicht wenige Menschen so schnelllebig und ruhelos geworden, dass sie kaum noch zu sich selbst kommen.

Pfad im Klostergarten
Pfad im Klostergarten von Helfta

Vielen fällt es immer schwerer, in der Betriebsamkeit des Alltags bei den vielen Aufgaben und Herausforderungen des Lebens Ruhe zu finden, still zu werden, sich neu zu orientieren. Viele fühlen sich gehetzt und überfordert; alles löst sich auf im Augenblick; Eindrücke, Erlebnisse und Begegnungen bleiben flach und hinterlassen keine Spuren. In einer Welt, in der Oberflächlichkeit zunehmend das bestimmende Lebensgefühl geworden ist, sehnen sich immer mehr Menschen nach Tiefe, Sinn und spiritueller Erfahrung.

Was ist Meditation / Kontemplation ?

Es gibt verschiedene Arten und Methoden von Meditation. Ihnen gemeinsam ist: der Mensch kommt zur Ruhe, zur Stille, zu sich selbst und zur Besinnung, die für die Sinnfindung wichtig ist. Das lateinische Verb meditari, das dem Wort Meditation zugrunde liegt, bedeutet sowohl nachsinnen als auch exerziermäßiges Üben, so dass man unter Meditation ein Üben verstehen kann, das dem Menschen in seiner Ganzheit helfen will, den Sinn zu finden.

Die KONTEMPLATION ist ein alter christlicher Versenkungsweg, der zu Achtsamkeit, Gelassenheit, innerer Ruhe und der Erfahrung Gottes, des „Ich-bin-da“ (Ex 3,14) im eigenen Wesensgrund führen möchte. Die KONTEMPLATION wird auch als Schweigemeditation oder Gebet der Stille bezeichnet.

In der Übung der KONTEMPLATION wird nicht über ein Thema nachgedacht oder ein Gegenstand betrachtet. In der KONTEMPLATION sitzen wir in aufrechter Haltung ruhig und offen für alles, was geschieht. Ich muss nichts leisten, sondern kann loslassen und im Schweigen meinen tragenden Grund erfahren: Ich begebe mich auf den Weg der liebevollen Achtsamkeit.

Die KONTEMPLATION als Weg der Mystik (vom griech. μύειν (myein) – schließen, d.h.: der Lippen) ist ein Angebot an alle, die spirituelle Erfahrung suchen und ist auch für Menschen gehbar, die keine oder keine große Bindung zu einer Kirche oder Glaubensgemeinschaft haben.

In dem Begriff KONTEMPLATION steckt zum einen das Wort templum (Tempel), die Bezeichnung für den Ort der Gottesverehrung, den heiligen Bezirk – zum andern das lateinische contemplari, was soviel wie schauen bedeutet. Die christliche Mystik versteht unter contemplatio das innere Schauen ins eigene Selbst, die beglückende Erfahrung der Vereinigung mit Gott (Gottesschau/Erleuchtung). Obwohl der Begriff eigentlich mehr einen Zustand des Erfahrens bezeichnet, versteht man heute unter KONTEMPLATION auch einen spirituellen Weg (im Sinne von Methode), der in den inneren Tempel, zur Wesensschau und Erfahrung Gottes (Unio mystica, Hl. Hochzeit) führen möchte. Ja, zuletzt mündet der kontemplative Weg in die absolute Seinserfahrung im Alltäglichen…

Die Tradition der KONTEMPLATION in Europa wurde seit den 1960er durch die Begegnung mit dem asiatischen Kulturraum, vor allem mit dem Zazen, neu belebt. Hier ist vor allem der Jesuit und Hiroshima-Überlebende Pater Hugo Makibi Enomiya-Lassalle als der Pionier eines zeitgemäßen, mystischen Weges für Christinnen und Christen zu nennen.

Anders als andere christlich-mystische Wege, z.B. dem mantrischen Herzensgebet der Ostkirchen, bei dem ein Thema im Mittelpunkt eines Einkehrtages steht (z.B. „Leben in der Kraft des Nein„, „Singen aus dem Klang der Stille“)  oder den ignatianischen Exerzitien, bei denen  nacheinander die Themen der Sünde, des Lebens und der Nachfolge des irdischen Jesu, des Leidens und Sterbens Jesu und als letztes seiner Auferstehung gewidmet sind, ist der Weg der KONTEMPLATION ein unmittelbarer. – Es ist kein Stufenweg vorweg gedanklich zu beschreiten, kein Curriculum zu bestimmten Themen, die zunächst in den Fokus der Achtsamkeit gerückt werden, zu durchlaufen. So heisst die Kontemplation auch übergegenständliche Meditation. Die KONTEMPLATION , wie ich sie als Kontemplationslehrer (WSdK) im Würzburger Forum der Kontemplation vertrete, fühlt sich Meister Eckhart und dem unbekannten englischen Autor der „Wolke des Nichtwissens“ (siehe: Buchtipps) verpflichtet. Mein Da-sein ist gefragt! Und nicht etwa, das „dreifache Etwas“ Taulers rational zu befeuern:

Das 3-fache Etwas

Wenn der Mensch in der Übung der inneren Einkehr steht,
hat das menschliche Ich für sich selbst nichts.
Das Ich hätte gerne etwas
und es wüsste gerne etwas
und es wollte gerne etwas.

Bis dieses dreifache „Etwas“ in ihm stirbt,
kommt es den Menschen gar sauer an.

Das geht nicht an einem Tag und auch nicht in kurzer Zeit.
Man muss dabei aushalten,
dann wird es zuletzt leicht und lustvoll.

Soll Gott sprechen,
so musst du schweigen,
soll Gott eingehen,
so müssen alle Dinge ihm den Platz räumen.

Du sollst dieses tiefe Schweigen oft und oft in dir haben
und es dir zur Gewohnheit werden lassen,
so dass es durch Gewohnheit ein fester Besitz in dir werde.

Der Mensch muss alles lassen,
dieses Lassens selbst noch ledig werden,
es lassen, es für nichts halten
und in sein lauteres Nichts sinken

(Johannes Tauler, 1300 – 1361)

Pater Lassalle ging sogar soweit, dass seine Einführungsvorträge stets die gleichen waren! – Um Gott zu erfahren, Einheit zu leben, muss ich mich also aller Gedanken, Assoziationsketten, Selbstgespräche, Überlegungen, seien sie auch noch so edel, entledigen – gleichsam mit einer „Wolke des Vergessens“ bedecken. Im Einzelgespräch mit der Lehrerin, dem Lehrer werden die persönlichen Lebensthemen auf dem Wege besprochen.

KONTEMPLATION ist demgemäß wesentlich mehr als zur Ruhe, zur Stille und Zu-sich-selber kommen. Sie ist Gebet des Schweigens, gegenstandsloses sich Aussetzen (Leerwerden im Sinne von absichtlosen Loslassen von eigenen Gedanken und Vorstellungen) und Bereithalten der unbegreiflichen göttlichen Wirklichkeit gegenüber. Auf dem Weg der KONTEMPLATION als Tiefenmeditation geht es darum, sich im tiefsten Sinne zu er – gründen, sich fallenzulassen in den Urgrund Gottes, aus ihm, mit ihm und in ihm zu leben. Die Erfahrung dieser (transzendenten) Wirklichkeit kann willentlich nicht herbeigeführt werden, sondern ist immer Geschenk, das aber durch die Übung der kontemplativen Meditation vorbereitet und geweckt werden kann.

Kontemplation ein Lebens-WEG?!

Beginnen die meisten von uns auch auf dem Bänkchen, um sich in die KONTEMPLATION einzuüben, so beschränkt sich die kontemplative Lebenshaltung mit der Zeit freilich nicht auf den Quadratmeter des Meditationsplatzes. Das Leben ist untrennbar. Die Haltung „Hier Heilig, dort (zu) Alltäglich!“, ist eine Lebens-draufsicht, die keine spirituelle Begründung erfahren hat. Eine Mystik, die sich nicht um den Nächsten und ihre Umwelt kümmert, ist keinen Pfifferling wert! Es gilt ACHTSAMKEIT sich selbst und dem Anderen gegenüber einzuüben und daraus zu handeln. Das schließt viel, ja: alles ein! Jemand, der zur Einheitserfahrung durchgestoßen ist und nicht vom Gipfel der Erleuchtung herabsteigen möchte, bleibt in sich gefangen. Echte Begründung im SEIN führt dazu, das Leben zu lieben, dem Frieden zu dienen.

Unsere Übung in der Stille gilt es also auch im Alltag zu leben: Der Alltag ist die eigentliche Übung!
Mittendrin ist es dabei hilfreich, immer mal wieder bewusst dem Atem zu folgen – dankbar einzuatmen, vertrauensvoll auszuatmen. Das göttliche Sein atmet uns, umgibt uns liebevoll von allen Seiten! So werden wir nach und nach befähigt, aus dieser Haltung heraus auch gesellschaftlich verantwortlich zu leben.

Was ist Kontemplation nicht?

Wir alle (auch ich als junger Mann) haben Gründe, Motive, die uns einen spirituellen Weg beschreiten lassen. Das ist menschlich und verständlich. Wären wir ohne Motive, wären wir in diesem Moment erleuchtet, so sagt man im Zen. Aus der Christuswirklichkeit heraus gesprochen: Wären wir geistig arm, realisierten wir Gott in seiner unteilbaren Fülle genau in diesem Augenblick! (vgl. Mt. 5,3)

Jedoch: KONTEMPLATION  – wie jeder wahrhaft spirituelle Weg – darf nicht funktionalisert werden, ein „um zu“ bläst nur das Ego beständig auf, auch wenn man sich nach Jahren „weit fortgeschritten“ wähnt.

So ist KONTEMPLATION nicht Therapie, auch kein Weg hin zur persönlichen (egozentrischen) Glückseligkeit, kein in diesem Sinne esoterischer Weg. Die kontemplative Lebenshaltung kann, treulich über Jahrzehnte geübt, als steter Tropfen auf verhärteter Seelenkruste auch therapeutisch wirken. Übt man jedoch deswegen, verliert man das kontemplative Unterwegssein aus den Augen. Allzu oft, denke ich, wird dies auf vielen heutigen christlich-mystischen Wege nicht deutlich genug betont.

Das grundlegende Ziel der KONTEMPLATION als spiritueller Weg ist nicht Gesundheit, ein Sich-Wohlfühlen: Kontemplation kann hart und fordernd sein!

Auch geht es nicht vordergründig um Karriere, Bestehen im Berufe, auch wenn manche spirituelle (hier vor allem: Zen-)Meister oder Lehrer das suggerieren oder gar explizit damit werben (sic!), las ich neulich kopfschüttelnd. Da steht wohl das „besser – wieder – effektiver“ Funktionieren beim Tanz um das Goldene Kalb der Globalisierung und Gewinn-Maximierung im Zentrum des „Übens“. Wir alle leben in diesem System und kennen seine Auswirkungen: Burn-out, Armut im Alter bei uns und Krieg, Vertreibung, Flucht aus wirtschaftlicher Not anderswo – zu uns. Ein Videoclip von Hanns Christian Müller auf der Homepage des Nordwald-Zendo, das von Stefan Bauberger geleitet wird (siehe Links), nimmt pointiert dazu Stellung: „Was ist wichtig? – fünf vor Zwölf“. Anschauen!

Wer sich ernsthaft auf dem Weg der KONTEMPLATION begeben will, muss bereit sein, alles zu lassen und in Frage zu stellen – die eigene Person, auch: die bisherige Rolle im Berufe. Neuorientierung und solidarische Lebensführung, Akzeptanz der eigenen Gebrechlichkeit und Demut sind dabei ein Zeichen der personalen Reife auf dem Weg.

Für wen eignet sich der Weg der Kontemplation?

Der Übungsweg der kontemplativen Meditation ist ein Angebot an alle Menschen, die spirituelle Erfahrung suchen und ist auch für Menschen gehbar, die keine oder keine große Bindung zu einer Kirche oder Glaubensgemeinschaft haben. Er ist aus dem göttlichen Grunde heraus ein spiritueller Weg – jenseits verfasster Religionszugehörigkeit, christlicher Theologie o.ä.

Wer sich auf den Weg macht, sollte psychisch gesund sein. Wer in psychiatrisch oder psychotherapeutischer Behandlung war, sollte dies unbedingt mir mitteilen, um gemeinsam zu schauen, ob der Weg ein geeigneter ist. Wer in psychiatrischer und/oder psychotherapeutischer Behandlung ist, kann an den Kursen nur mit dem ausdrücklichen Einverständnis der/des Therapeutin/Therapeuten teilnehmen.

 

Schweigen

Gott, lehre mich schweigen.
In mir ist soviel Unrast.
Meine Gedanken und Sinne
sind von der Hektik des Tages
verwirrt, unruhig.
Nachrichten, Meinungen, Auseinandersetzungen,
Erlebnisse und Wünsche Bedrängen mich.
Sie zerstreuen und verwirren meine Kräfte.
Und ich weiß nicht, was ich tun soll.

Gott, lehre mich Klarheit,
damit ich Abstand gewinne
von so vielem und von mir selbst.
Gott, schenke mir Einsicht und
Wachheit für das Echte, Gute.

Jetzt atme ich die Stille
in mich hinein und warte,
in Deinem Schweigen auf Dich.
Hier finde ich mich wieder.
Hier bin ich Dein!
Komm, sei mir ganz nahe. Amen!

(Luitgard Tusch-Kleiner)